Fokus bitte! Tipps für mehr Konzentration – auch bei ADHS

17. Juni, 2025 | Neurodivergenz, Schule & Lernen

„Jetzt konzentrier dich doch einfach mal.“ Wem hat diese Aufforderung wohl je geholfen? Und doch ist es ein Satz, den verzweifelte Eltern und Lehrer mindestens denken oder als Stoßgebet zum Himmel schicken in der verzweifelten Hoffnung das Kind irgendwie dazu zu bewegen die Schulaufgaben in einem übersichtlichen Zeitraum zuende zu bringen.

Doch so einfach ist es nicht. Was die Konzentration stört und wie wir Kinder unterstützen können fasse ich in diesem Beitrag zusammen, mit dem ich dem Aufruf von Sabine Landuas Blogparade „Fokus bitte! Meine besten Tipps für mehr Konzentration“ folge.

Unrealistische Erwartungen

Und das erste Problem mit der Konzentration ist häufig eine unrealistische Erwartungshaltung von Erwachsenen. Wenn ich die Einschätzung, dass sich ein Kind nicht konzentrieren kann nicht teile ernte ich oft verwunderte Blicke. Zu erfahren, dass es erstmal entwicklungspsychologisch betrachtet vollkommen normal ist, wenn Kinder sich noch nicht besonders lange konzentrieren oder ruhig auf einem Stuhl sitzen können, kann Eltern entlasten von der Vorstellung, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmt. Je kleiner ein Kind ist, desto weniger lang und gut kann es sich konzentrieren – und nicht für alle Kinder passt die Art des Lernens, wie Erwachsene sie sich vorstellen. Sobald Leidensdruck entsteht, in der Regel nicht vor Beginn der Schulzeit, soll natürlich genau hingeschaut werden, ob es Ursachen für die Schwierigkeiten gibt, die behandlungsbedürftig sind bzw, wie das Kind besser unterstützt und gestärkt werden kann.

Wie lang können Kinder sich konzentrieren?

Erst einmal ist es vollkommen normal, dass Kinder sich nicht genauso lang wie Erwachsene konzentrieren können. Die kognitiven Fähigkeiten, die dafür nötig sind, müssen sich erst entwickeln. Das betrifft auch die Konzentration. Die Formel für die Zeitspanne, die Kinder sich konzentrieren können lautet :

„Lebensalter x 1“ bis „Lebensalter x 2“

Ein 7-jähriges Kind kann sich also 7 bis 14 Minuten lang konzentrieren. Ein 10 jähriges Kind bis zu 20 Minuten. Diese Formel kennend und zu hohe Erwartungen ablegend, sieht es meist schon gar nicht mehr so schlecht aus mit der Konzentrationsfähigkeit der meisten Kinder.

Was macht es schwierig sich zu konzentrieren?

Konzentration, die Fähigkeit unsere Aufmerksamkeit gezielt und über einen stabilen Zeitraum auf eine bestimmte Tätigkeit oder Sache zu richten, ist sehr störanfällig. Ablenkung kann passieren durch Umgebungsreize. Auch Müdigkeit oder emotionale Belastungen verringern die Fähigkeit sich gut konzentrieren zu können. Ein hoher Leistungsdruck ist ebenfalls hinderlich. Und wenn unser Nervensystem nicht nur durch äußere oder innere Reize (Müdigkeit, Hunger, Körperwahrnehmungen – und das kann schon ein ungemütliches Kleidungsstück oder die Außentemperatur sein, die sich in die Wahrnehmung drängt) abgelenkt ist sondern wenn die Reize die es wahrnimmt zuviel sind und es überfordern, weil Geräusche, Gerüche und Sinneseindrücke intensiver wahrgenommen werden, dann führt diese Reizüberflutung dazu, dass Konzentration unmöglich wird.

Das alles betrifft nicht nur Kinder und Jugendliche – es ist menschlich, dass wir uns nicht immer gleich gut konzentrieren können und dass Konzentration abhängig ist von äusseren und inneren Bedingungen. Je nachdem, wie gut es unserem Nervensystem geht und wie sensibel es auf Reize reagiert ist Konzentration teilweise ein höchst flüchtiger Zustand.

Abklärungsbedürftige, pathologische Konzentrationsstörungen gibt es natürlich ebenfalls. So können können Mangelzustände, Suchtprobleme sowie organische Erkrankungen oder psychische Störungen Konzentrationsstörungen verursachen. Nicht zuletzt darf hier auch das Thema AD(H)S nicht vergessen werden. .

Tipps für mehr Konzentration

An dieser Stelle möchte ich einige Anregungen sammeln, mit der Konzentration unterstützt werden kann. Einige Tipps können kurzfristig, andere eher längerfristig dazu beitragen, die Konzentrationsfähigkeit zu stärken.

  • Setting verändern: Das kann bedeuten, den Raum zu wechseln. Oder die Position zu verändern. Statt im Sitzen im herumwandern lernen oder statt am Tisch zu sitzen in einer Höhle unterm Tisch liegend lernen.
  • Bewegung: Bewegung kann helfen, sowohl bei körperlich sichtbarer, als auch innerlich gefühlter Unruhe. Es reguliert Bewegungsimpulse und hilft den Fokus danach wieder besser halten zu können. Besonders empfehlenswert sind kurze Bewegungseinheiten bevor es überhaupt ans Lernen gehen soll – aber auch Unterbrechungen zugunsten kurzer körperlicher Aktivität, am besten verbunden mit frischer Luft, sind eine wunderbare Möglichkeit Pause mit Bewegung zu verbinden.
  • Kreativ werden: Einige dieser oder anderer Tipps für mehr Konzentration zusammenbringen und kreative eigene Lösungen finden. Bewegung und Setting können gemeinsam genutzt werden, wenn z.B. auf dem Trampolin springend ein Gedicht auswendig gelernt wird oder das 1×1 beim Käsekästchen hüpfen aufgesagt wird. Erlaubt ist was hilft. Materialien, bunte Stifte oder therapeutische Tools. Hilfreich ist es sich von der Vorstellung, wie lernen auszusehen hat, nämlich ruhig und still am Tisch sitzend loszulassen und offen zu sein für alles, was hilfreich ist.
  • Pausen einlegen: Regelmässig Pausen einlegen ist unabdingbar. Wir unterschätzen, wie wichtig es ist wirklich rechtzeitig Pausen zu machen. Die Formel, wie lang Kinder sich konzentrieren können darf da gern als Maßstab verwendet werden, nach welcher Zeitspanne spätestens eine kurze Unterbrechung und Pause eingeplant werden sollte. Für 7 jährige Kinder wäre dies nach maximal 15 Minuten der Fall.
  • Druck rausnehmen: weniger Erwartungen und Druck können emotional entlastend wirken. Schimpfen und Drohungen sollte es sowieso nicht geben. Stattdessen darf positive Bestärkung, Geduld und gute Beziehung an diese Stelle treten.
  • Spielerische Zugänge finden: Stichwort Gamification. Alles, was sich belohnend anfühlt kann besonders bei ADHS ein Anreiz für die Konzentration sein. Doch Spielend lernt es sich für alle am leichtesten. Und so ist alles, was die Aufmerksamkeit weckt, was abwechslungsreich ist und einen Zugang ermöglicht hilfreich für die Konzentration.
  • Reize reduzieren: Eine gute Umgebung, in der sich das Kind sicher fühlt und die reizreduziert oder reizarm ist für das Lernen zu schaffen hilft Ablenkungen zu minimieren.
  • Routinen und Rituale:, Routinen wie ein Lied zum Ankommen, die Lieblingstasse mit duftendem Tee oder eine Runde Ich sehe was das du nicht siehst – findet das Ritual, das zu euch passt. Es wird deinem Kind langfristig helfen, wenn es irgendwann wie ein Signal auf sein Gehirn wirkt, dass jetzt die Lernzeit beginnt.
  • Achtsamkeits- und Entspannungsübungen: Alle Arten von Achtsamkeit sind nachgewiesen eine gute Möglichkeit die Aufmerksamkeit zu schulen und den Geist zu trainieren sich nicht so sehr ablenken zu lassen. Besonders empfehlenswert sind Yoga- oder Atemübungen, aber auch Entspannungstechniken.
  • Hilfsmittel nutzen: Von visuellen Zeitmessern über Apps bis zu Fidget Toys oder sensorischen Hilfsmitteln ist erlaubt, was dem Kind oder Teenager dienlich ist und seinem Gehirn hilft, Ablenkung zu minimieren oder Impulse zu kanalisieren.
  • Erfolgserlebnisse kreieren: Das Nervensystem des Kindes darf die Erfahrung machen, dass es das kann. Je mehr Zutrauen Kinder in sich gewinnen desto besser.
  • Aufgaben in kleine Teilaufgaben aufteilen: Mit übersichtlichen Mini Steps lassen sich leichter Erfolge feiern und die Motivation erhöhen. Statt vor einer unüberschaubar riesigen Aufgabenmenge hilft es der Konzentration, wenn nur ein kleiner Teil der Aufgaben oder sogar nur eine einzige sichtbar oder als nächster Schritt definiert ist. Arbeitsblätter können abgedeckt werden zu diesem Zweck.
  • Vorbild-Funktion nutzen: Wie gehe ich als Erwachsene mit Stress und Ablenkung um? Einen gesunden Umgang vorleben hilft unseren Kindern gute Strategien zu entwickeln auf die sie später zurückgreifen können.
  • Konzentrationsspiele spielen, um die Konzentration langfristig zu stärken: Von „ich packe meinen Koffer“ über Rollenspiele, Bewegungsspiele (Yogaspiele) bis zu klassischen und modernen Brettspielen sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Als Brettspiel-Liebhaberin nutze ich viele Spiele in der Begleitung von Kindern und Jugendlichen. Stapelspiele sind wunderbar bei impulsivem Verhalten, Spiele mit Memory Effekten schulen die Aufmerksamkeit und Konzentration.

Fazit

Konzentration ist eine Fähigkeit, die sich erst im Lauf der Zeit entwickelt. Meist haben wir viel zu hohe Erwartungen an Kinder wie lang und wie sie sich konzentrieren können sollen. Kinder haben von Natur aus einen höheren Bewegungsdrang als Erwachsene und eine kürzere Zeitspanne, in der sie ihre Aufmerksamkeit zielgenau auf etwas richten können.

Das klassische Setting von Lernen – und unsere Vorstellung, wie Lernen auszusehen hat, stehen dem, was Kinder können und brauchen gegenüber. 45 Minuten ruhig und still auf einem Stuhl sitzen ist etwas, was Erwachsene können – und für Kinder eine Herausforderung ist.

Die körpereigenen Wahrnehmungen und Bewegungsimpulse zu unterdrücken kann soviel Kraft kosten, dass nichts mehr übrig ist, nicht mal für die Zeitspanne an Konzentration, zu der sie eigentlich fähig sind. Kommen dann noch andere Faktoren hinzu geht schnell gar nichts mehr und Frust und Ärger machen sich breit.

Vor allem ein sensitives Nervensystem kann Konzentration schwierig machen. Wenn zuviel wahrgenommen wird, wird auch alles zur Ablenkung. Und wenn Geräusche und andere Wahrnehmungen nicht gefiltert werden können droht schnell eine Reizüberflutung. Ob Neurodivergent oder nicht – jedes Nervensystem ist anders – und jedes Nervensystem braucht Pausen und die Möglichkeit sich zu regulieren.

Nicht nur Tools wie Kofphörer, die Geräuschquellen minimieren oder Fidget Toys, die Bewegungsimpulse abfedern, können hilfreich sein.

Konzentration lässt sich auch üben. Dafür braucht es regulierte Erwachsene, die das Kind bestärken und ihm positive Erfahrungen ermöglichen, kreative Ideen und die Offenheit Vorstellungen, wie lernen funktioniert auch mal eine Weile zur Seite zu schieben. Routinen und eine reizarme Umgebung, Bewegungsimpulse, frische Luft, ausreichend Schlaf, genug zu trinken, Achtsamkeitsübungen oder Yoga – alles, was das Kind unterstützt ist hilfreich – und jedes Kind braucht etwas anderes. Bleibt neugierig, bleibt offen – und habt Spaß euch gemeinsam auf die Reise zu machen.

2 Kommentare

  1. Sabine Landua

    Was für ein wertvoller Beitrag zu meiner Blogparade, liebe Tamara!

    Besonders wichtig finde ich deinen Hinweis auf die oft unrealistische Erwartungshaltung von uns Erwachsenen. Allein schon die Frage „Wie lange können sich Kinder eigentlich konzentrieren?“, ist so ein hilfreicher Perspektivwechsel.
    Dazu kommen in deinem Beitrag so viele praktische und alltagstaugliche Tipps!
    Ich bin auch ein großer Fan davon, das Setting zu verändern und kreative Ansätze miteinander zu verbinden.
    Dein letzter Tipp hat mich besonders gefreut: Konzentrationsspiele spielen! Das passt wunderbar zum vorherigen Blogparaden-Beitrag, in dem gleich mehrere konkrete Spielideen vorgestellt wurden.
    Danke, dass du mit deinem Beitrag unsere Sammlung an Konzentrationstipps so wunderbar ergänzt hast!

    Antworten
    • tamara

      Danke liebe Sabine, ich habe den Artikel mit den Spielideen natürlich gleich neugierig gelesen und mich sehr gefreut, dass es sich so wunderbar ergänzt. Durch deine Blogparade haben wir so viele Impulse und Ideen sammeln können – das war eine wunderbare Idee von dir.

      Antworten

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  1. Konzentrationstipps für Kinder und Erwachsene Sabine Landua - […] scheinbar einfache Frage stellt Tamara in den Raum und eröffnet damit ihren wertvollen Beitrag Fokus bitte! Tipps für mehr Konzentration…

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Autorin

Seit über einem Jahrzehnt begleite ich Familien in verschiedenen Lebenslagen. Auf meinem Blog schreibe ich über Themen, die mich  beschäftigen und berühren. Von Bindungs- und Neurowissenschaften über Entwicklungspsychologie bis hin zu Stressprävention, Trauma und Burnout.

Es geht um alles, was Eltern und Fachkräfte bewegt – und was uns hilft, unsere Kinder gut ins Leben zu begleiten. Manchmal teile ich auch persönliche Einblicke aus meinem Alltag als Mutter von drei Kindern.

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